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29. November 2006
besuch_nov_06Ricardo Melchior im Gespräch

Inselpräsident, Ricardo Melchior hat im Gespräch mit TNP zu einigen Fragen von aktueller Brisanz Stellung bezogen.

TNP: Herr Melchior, wenn man Sie beobachtet, hat man den Eindruck, dass Sie immer wieder sehr persönlich auf die Menschen zugehen. Man nimmt Ihnen auch ab, dass es Ihre Art ist und kein politisches Kalkül. Haben Sie vor noch eine weitere Amtszeit zur Verfügung zu stehen?

R.M.: Diese Entscheidung muss ich noch in diesem Jahr treffen, aber ich habe wenig Zeit darüber nachzudenken. Wir werden sehen. Aber es stimmt, ich begegne gerne Menschen. Man darf auch nicht vergessen, dass wir auf einer Insel sind, auf der rund 800.000 Menschen permanent leben. Das heißt, man trifft sich immer wieder. Es gibt viele, mit denen ich groß geworden bin oder ich hatte zu den verschiedensten Gelegenheiten mit denselben Menschen zu tun. Durch die Besonderheit der Insellage, ergibt sich automatisch ein persönlicher Kontakt zu vielen Menschen und ich genieße das auch sehr. 

TNP:  Herr Melchior, dieses Jahr war überschattet von der Immigrantenwelle. Wie stellt sich das Thema aus Ihrer Sicht dar?

R.M.: Das Thema erfordert viel Sensibilität. Schade ist es, dass die Kanaren seitens der Zentralregierung so wenig Unterstützung erhalten, aber die Canarios selbst sind durchaus in der Lage, sich in die Flüchtlinge einzufühlen. Man merkt das auch daran, dass man Verständnis für sie hat und sie trotz des massiven Ansturms freundlich empfängt.  Man muss bedenken, dass die Menschen dort eine Lebenserwartung von etwa 40 Jahren haben. Nur ein „paar“ Kilometer weiter, bei uns in Europa, werden die Menschen doppelt so alt. Die Menschen dort sterben an den leichtesten Krankheiten, leiden Hunger und suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Blicken sie über den Ozean  nach Europa, erscheint ihnen das wie ein Paradies. Es ist also kein Wunder, dass sie, auch unter Lebensgefahr, versuchen dorthin zu gelangen, wo es ihnen besser geht. Noch vor 40 oder 50 Jahren waren wir, die Canarios es, die den gleichen Weg gegangen sind und sogar noch mehr Risiko auf uns genommen haben. Heute haben sie Boote, mit Außenmotor und haben vom Senegal aus etwa eine achttägige Strecke vor sich. Damals sind von den Kanaren einfachste Segelboote in See gestochen und hatten eine achtwöchige Fahrt vor sich. Keiner, der damals gegangen ist, hat es gerne getan. Die Not sowie die Aussicht auf eine Verbesserung und die Verantwortung für ganze Familien hat die Menschen dazu getrieben. So ähnlich empfinden die Menschen in Afrika heute und genau das veranlasst sie, den Sprung zu wagen.

TNP: Sie waren vor Kurzem auf dem Gipfel von Bill Clinton und auch sonst haben Sie enge Beziehungen mit dem amerikanischen Kontinent angekurbelt. Wirtschaftsprojekte sind in Planung, die den Archipel als wichtige Schaltstelle künftiger Aktivitäten sehen. Können Sie die Zukunft etwas konkretisieren.

R.M.: Wir haben schon lange ein freundschaftliches Verhältnis, zum Beispiel durch unsere langjährige Partnerschaft mit Miami Dade Wir liegen uns auf dem 28. Breitengrad sozusagen gegenüber. Aber natürlich sind wir auch an wirtschaftlichen Beziehungen interessiert. Gerade ausgelöst durch die Flüchtlingswelle haben viele führende Köpfe begriffen, dass es nicht damit getan ist, Entwicklungshilfe zu leisten, deren tatsächliche Effizienz fraglich ist. Zu oft versickert sie in den falschen Kanälen. Globalisierung muss daher auch bedeuten, die armen Länder an den wirtschaftlichen Entwicklungen teilhaben zu lassen. Nur durch eine Steigerung der Lebensqualität im eigenen Land, ist es möglich, die Menschen zum Bleiben zu animieren. Es gibt dazu verschiedene Dinge anzumerken. Erstens, es mangelt nicht an Geld. Es gibt Tausende Millionen, die teils aus privater, teils öffentlicher Hand zur Verfügung stehen und auf eine sinnvolle Investition warten. Die Kanarischen Inseln bieten sich als Operationsbasis an, weil sie die nötige Infrastruktur, wie Häfen und Flughäfen, aufweisen. Auch haben wir ein funktionierendes Rechts- und Bankensystem, wissenschaftliches sowie menschliches Know-How, aber auch die nötigen Forschungszentren und Universitäten. Zweitens sind wir dabei den NAP, Neutral Access Point, zu installieren. Dabei handelt es sich um ein Fiberglaskabel, das Lissabon, die Azoren, Kapverden, Südafrika und mehrere westafrikanische Staaten, wie unter anderem Guinea Bisseau, Senegal, Gambia und natürlich die Kanarischen Inseln verbindet. Was die Menschen dort brauchen, ist Information und die Möglichkeit zu kommunizieren. Dazu ist moderne Technologie eine Grundvoraussetzung. Schon im nächsten Jahr soll mit dem Bau begonnen werden und Anfang 2008 hoffen wir, das Netzwerk in Betrieb zu nehmen. Das ist eine wichtiger Faktor in der Entwicklung der dritten Komponente, die in einem funktionierenden Handel besteht. Nur durch Handel, entstehen Ausbildungs- und Arbeitsplätze, die den Menschen eine Zukunftsperspektive geben. In vier bis fünf Jahren rechnen wir mit ersten sichtbaren Ergebnissen. Aber schon in zwei bis drei Monaten soll die erste Containerlinie Süd-Süd in Kraft treten. Das gab es noch nie. Sie verbindet Brasilien beziehungsweise Lateinamerika mit den Kapverden, Senegal und Teneriffa. Es ist doch beispielsweise paradox, dass wir Natursteine für unsere Strassen aus China (!) beziehen und dort drei Euro pro Stück bezahlen, während die gleichen Steine auf den Kapverden für nur 0,03 Euro zu haben sind. Einziger Grund, weshalb wir sie von so weit weg einkaufen anstatt bei  unseren afrikanischen Nachbarn, ist, dass es keinen  funktionierenden Schiffsverkehr gibt. Das Potenzial für die Zukunft ist enorm und der kanarische Archipel ist die südliche Tür Europas, das westliche Tor für Afrika und das östliche Tor für Amerika. Deshalb sind die Inseln als Schaltzentrale und Koordinationspunkt ideal.  

TNP: Was haben Sie, im Namen Teneriffas, eigentlich in diesem Jahr auf dem Bill Clinton – Gipfel versprochen?

R.M.: Ganz konkret ist es noch nicht, aber wir haben vor, in Afrika rund 700 Windkrafträder zu bauen, die den Menschen Strom liefern sollen. Nicht zuletzt um Internetzugang zu haben. Vielleicht gibt es im Moment in einigen kleinen Dörfern nur fünf Menschen, die lesen und schreiben können, aber im Nächsten sind es vielleicht schon zehn und so weiter. Früher hat man unter dem Begriff Kultur hauptsächlich Kunst und Musik verstanden. Heutzutage beinhaltet Kultur ein breites Grundwissen, denn nur wer Wissen hat, kann es auch nutzen.

TNP: Wenn die Amerikaner sich durch enge Handelsbeziehungen mit Afrika in den dortigen Modernisierungsprozess involvieren und vornehmlich von den Kanaren aus operieren, müssen wir dann mit einer Militärbasis rechnen?

R.M.: Nein, auf gar keinen Fall. Das hat mit militärischer Präsenz überhaupt nichts zu tun. Die Canarios sind und waren schon immer ein friedliches Volk, das sich von allen kriegerischen Auseinandersetzungen fern gehalten hat. Außerdem sind wir ein multikulturelles Volk. Durch die vielen Seefahrer und Besucher haben wir das europäischste Blut Europas, in unseren Adern fließt ein „Multi-Kulti-Cocktail“ und die Canarios waren schon immer Bauern und Siedler. Das sieht man auch daran, dass einige Orte in Amerika, wie San Antonio in Texas, einst von kanarischen Immigranten gegründet und aufgebaut wurden. Selbst in unseren Namen erkennt man, dass sie die Wurzeln vieler europäischer Länder tragen. Wir sind für friedliche Völkerverständigung und werden die Funktion einer virtuellen Brücke zwischen den Kontinenten übernehmen.

TNP: Herr Präsident, wir danken Ihnen für das Gespräch und hoffen, dass Sie sich zu einer weiteren Amtszeit bereit erklären, um die vielen begonnenen Projekte zu Ende zu führen. Vielleicht haben wir dann auch weiteren Anlass für ausführliche Gespräche.            svw

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